Sichtbare Gedanken
Magische Malerei von Ralph Kull in der Galerie Barz

Das ist kein Malen, was Ralph Kull macht, das ist ein magisches Beschwören von Mehr. Auch die skulpturalen Formen, die er mit dem Malerischen sowohl mischt als ihnen widersetzt, haben mehr als drei Dimensionen: Die Zeit will wahrgenommen sein. Die Welt, die Kull bei Barz zeigt, ist grenzenlos.
Kull verwendet faßt ausschließlich graue bis schwarze Werte. Das Material tut nichts zur Sache, Ein Eisenring umgreift eine ganze hohe Wand der Galerie: Rechteckige Flächen, aus gespanntem Nessel, mißachten das Innen und Außen des festgeschriebenen Kreises und greifen gleich Brücken über den Ring. Auf den konstruktiven Tafeln purzeln menschliche Figuren durch den Raum. Sie sind ausgesprochen gegenständlich gemalt und doch verfremdet: In einer Art von Grisaille, ums 14. Jahrhundert als asketische Grau-in-Grau-Malerei entstanden, bohren sie unmittelbar die Phantasie an. Wer träumt schon bunt? Das Werk trägt den Titel ‚Soll und Haben – Allegorie auf die Malerei‘. Da gibt es diesen Kopf, der als Quelle aller Gedanken unten sitzt und wie auf dem Schweißtuch der Veronika aus einer schwarzen Fläche diffus heraus schimmert. Er mag Kull’s Alter Ego sein. Und da gibt es diese Menschen ohne Halt, die aus dem dunklen Fond flimmern. Wie Schlemihls Schatten: Sie wollen wahrgenommen sein. Wer sie verleugnet, hat nachher das Malheur.
Eine andere Assemblage heißt ‚Räder und Bäume‘, wieder ist beim ersten Sehen lediglich das Schwarz greifbar. Doch je länger man auf die Fläche schaut, um so vielfältiger kriechen die Visionen aus dem Grund. Mark Rothko malte einst diese dämmernden, verschwimmenden Farbgründe, die in eine monochrome Meditation führten. Kull geht den Weg anders herum. Er läßt aus der Einfarbigkeit jeden einzelnen absterbenden Baum wachsen. Mitten ins Zentrum hat er ein schwarz-weißes, in Wasserfarbe gebadetes Foto eines Waldes geklebt. Vor dem collagierten Tafelbild verwehrt eine Barriere aus Beton den Zutritt.

Kull 1954 in Bremen geboren, Villa-Minimo-Preisträger von 1982, war schon vor zwei Jahren von der Galerie Barz vorgestellt worden. Im selben Jahr bekam Kull, dessen Stipendium der Worpsweder Barkanhoff-Stiftung gerade auslief, eine Einzelausstellung im Kunstverein Wolfenbüttel. Wie es immer weitergeht mit dem jungen Künstler, das neue Kapitel Kull bei Barz ist so spannend, daß man ein zweites Mal hingehen muß. Um zu überprüfen, ob das gesehene tatsächlich vorhanden ist oder doch nur ein Schatten war.

Alexandra Glanz
23. August 1989, Hannoversche Allgemeine