„Der strikten Immanenz des Geistes der Kunstwerke widerspricht allerdings eine nicht minder immanente Gegentendenz: die, der Geschlossenheit des eigenen Gefüges sich zu entwinden, in sich selbst Zäsuren zu legen, die Totalität der Erscheinung nicht länger zu gestatten.“ Dieser Satz Adornos kann als Begründung einer das Fragment anvisierenden Haltung gelesen werden, der sich Ralph Kull schon am Anfang seiner Kunstpraxis anvertraut hat. So hat er den einheitlichen Bildraum vermieden, und wenn er diesen sich dennoch gestattete, hat er ihn mit heterogenen Elementen durchsetzt. Er sagt „Inhaltlich verwende ich oft Versatzstücke, selten wächst ein Bild aus einem einheitlichen Grund hervor, ich versuche damit die Geschlossenheit zu verweigern, die Möglichkeit des Hinzudenkens des Betrachters ist mitgemeint.“ So wird die Immanenz zur Transzendenz, weil das Fragment anerkannt wird. Denn indem das Offene dem Geschlossenen vorgezogen wird, findet Erweiterung statt.

Adorno unterscheidet, indem er von Wahrhaftigkeit spricht, statt von Wahrheit. In der Wahrhaftigkeit drückt sich der Prozess als das Ringen um den Gedanken aus – im Gegensatz zur einfachen, behauptenden Setzung. Kull spricht offen von Versatzstücken, wobei er nicht das beliebig einsetzbare Modul meint, sondern wirklich das Stück, als das Einzelne, das sich versetzen lässt, um dann im neuen Zusammenhang in einer erweiterten Bedeutung zu schimmern. Der Begriff ist wie ein Prisma, durch das das Denken wie ein Lichtstrahl fährt, um die Brechungsfarben freizulegen. Auch diese Metapher für das reflektierende Bewusstsein ist ein Gedanke Adornos.

Der Ansatz von Ralph Kull ist darin mit der Romantik verbunden, weil er ein gebrochenes Verhältnis oder die Brüchigkeit der Verhältnisse zum Ausdruck bringt. Er übt Kritik, indem er einen vehementen Grundzweifel anmeldet – nämlich den am Handeln überhaupt. Egal, was wir beabsichtigen, wir sind immer in einem Schuldzusammenhang, weil wir mit jeder Handlung einen bestehenden Zusammenhang brechen, um wiederum einen neuen zu setzen. Und das bedeutet jedes Mal einen Eingriff, sowohl im individuellen Handeln als noch krasser im kollektiven Handeln. Dazu äußert sich Ralph Kull sehr konkret, wenn er schreibt: „(…) es ist eher ein angestauter Ekel an der Welt, der sich nicht wandeln will, und könnte so wiederum ein Vorbote sein. Die Frage ist nur, wo diesmal der Weg hingeht, vielleicht zur Vereinnahmung des humanen Kapitals als Verbraucher. Als vermeintlich Unschuldige verbrauchen wir die Ressourcen. Wachstum (des Verbrauchs) als einzige Idee des Spätkapitals.“ Das sind klare Sätze, aber so klar ist die Kunst von Ralph Kull nicht. Seine Werke beziehen zu viele gegensätzliche Momente aus der Kunst, als dass eine sichtbare, einfach ablesbare Aussage sich im bloßen Protest erschöpfte. Im Gegenteil, er weiß, dass einzelne Aussagen nichtig sind und die Welt darin nicht aufgeht. Deshalb erzeugt er über die einzelnen Elemente, die er Versatzstücke nennt, eine permanente Unsicherheit.

Ein kurzes Gedicht von ihm beschreibt den Prozess, dem sich das assoziative Denken unterzieht: „da saß ich nun- an meinem Tisch und rang nach Atem- Hoppla- er war mir entglitten- der Sinn- das Eigentliche- einfach aus der Hand gerutscht-“ Mit leichter Ironie wird hier das Scheitern angesprochen als ein Umweg, der an sich ein produktives Element ist, das zu besserer Einsicht verhilft. Das Eigentliche lässt sich nur einkreisen, nicht abbilden oder darstellen. Die Arbeit am Eigentlichen ist eine Haltung, die sich sich selbst gegenüber nicht schont, oder, wie Thomas Bernhard immer wieder von der „Rücksichtslosigkeit des Geistes gegen sich selbst“ spricht. Diese Haltung ist das Bewusstsein des Prozessualen der Erkenntnis, die, wenn sie ein Abgeschlossenes ist, schon für sich verloren sein muss. Wir müssen den Widerspruch nicht nur zulassen, sondern ihn auch kühn aufsuchen. Die Kunst ist keine Formel, deshalb entzieht sie sich der klaren Definition. Sie ist chaotisch und präzise zugleich – wäre sie nur das Erstere, wäre sie beliebig, wäre sie nur das Letztere, wäre sie leer. Erst wenn sich die Subjektivität selbst zum Objekt wird, tritt die Reflexion ein als Kritik der Kritik, die ihre eigenen Fundamente bereit ist zu untergraben. Diese Unruhe ist Dynamik – jenseits des üblichen Geschreis nach Innovation ist sie Arbeit am Eigentlichen als am Wesentlichen.

Die Bilder von Kull sind ein Bekenntnis zu einer dunklen Romantik, denn sie sind ontisch und eschatologisch. Sie zeugen vom drängenden Bestreben nach Freiheit im doppelten Sinne: Die äußere, absolute Freiheit wäre, nicht sterben zu müssen. Damit wäre der Mensch göttlich. Die innere Freiheit wäre, sich vor dem Tod nicht mehr zu fürchten. Damit würde der Mensch seine Vergänglichkeit anerkennen. Die Kunst vermag diese Zustände in Gedanken zumindest zu evozieren, als eine konsequente Romantik in der negativen Utopie, die sich in der Verneinung erst zum Positiven wenden kann.

Giso Westing, Jan. 2018
Künstler und Kurator, Hannover