… eine Eröffnungsrede, die ihrer Anrede entspricht, ist selten, eine äußerst rare Veranstaltung. Sie werden auch heute wieder keine hören. Ziel wäre es, vergleichbar der Eröffnung der Olympischen Spiele, den schlichten Satz „ich erkläre die Ausstellung für eröffnet“ zu sagen, also lediglich den Startschuss zu geben, der jeden Besucher abrupt zu seinem eigenen Kolumbus erklärt. Ein Ziel auf innigste zu wünschen – und ich wünschte ich wäre heut soweit, diesen Endpunkt der Eröffnungsrede erreicht zu haben, und wenn ich an Sie als Zuhörer denke, wünschte ich, ich wäre schon jenseits dieses Punktes, um Sie vor dieser Rede, wie vor jener heute, bewahrt zu haben. Dem ist jedoch nicht so. Dabei sollte das im Lichte von Carl Andres Paragraphen über die Kunst eigentlich genügen. Diese Sätze sind nun auch schon 20 Jahre alt: „1. Kunst ist, was ein Künstler Kunst nennt. 2. Kunst ist das, was ein Kritiker Kunst nennt. 3. Kunst ist das, was ein Künstler macht. 4. Kunst ist das was dem Künstler Geld einbringt. 5. Kunst ist nichts von dem, etwas von dem, alles von dem.“

Eine Ausstellung der Arbeiten von Ralph Kull kann folglich die begleitende Rede durchaus und allerdings entbehren. Insbesondere, da sie in ihren konzeptuellen Ansätzen im inneren Kern sprachlich formuliert. Ich darf fortfahren, spricht der Redner und endet nicht. Je weniger man spricht, desto amüsanter wird es gewesen sein. „Wenn Sie mich verstehen wollen“, sprach unaufhörlich Andy Warhol „schauen Sie mich an und schauen Sie mein Werk an: es ist nichts dahinter“. Das ist wunderbar gesprochen und das wollte ich Ihnen in verschiedenen Artikulationsvarianten heute deklamieren, aber der Titel dieser Ausstellung „subkutan“ , verheißt ja anderes. Im Sprachgebrauch zwischen sublim und subkulturell angesiedelt, wird der der Medizin entlehnte Begriff in einer Klammer des Kulturellen eingeschlossen. subkutan – unter der Haut befindlich, unter der Haut appliziert, das ist eine genaue Ortsbeschreibung.
Wäre ich ein redlicher Vertreter meiner Spezies, würde ich Ihnen, jetzt nicht ohne Pathos vermittelnd zuflüstern, was Ihnen in dieser Ausstellung wie und warum unter die Haut zu gehen hat und sie es nur unter die Netzhaut. Da es sich jedoch glücklicherweise um einen medizinischen Begriff handelt, und der Medizin das Philosophische ebenso wie alles Geistige abgeht, müssen wir davon nicht handeln. Subkutan, das ist eine Definition des Terrains, eine faktische Beschreibung, deren konzeptueller Gestus eine Vorgehensweise beschreibt, nicht zuletzt um im Hinweis auf den Prozess des Herstellens von Kunst den metaphysischen Tenor der Kunst zu konterkarieren.
Ralph Kull’s Arbeiten operieren mit solchen Widerhaken, setzen unterschiedliche Materialien gegeneinander – setzen Arbeiten unterschiedlicher Couleur miteinander in Beziehung. Die Ausstellung hier bietet in ihrer Gesamtheit ein Abbild dieses Prozesses. In der Interaktion eingenständiger Werke entsteht ein Gesamtgefüge, ein subkutanes Geflecht „What you see is what you see“ stichelte Frank Stella und auch das wollte ich Ihnen im Wechsel mit dem Warhol Satz heute immer wieder sagen, entbindet es doch den Redner den Schamanen zu spielen als Vermittler zwischen dem Künstler und der Öffentlichkeit
„You see what you see“ Es kommt im Rekurs auf den Warhol Satz „Schauen Sie mich an und schauen Sie mein Werk an“ strafverschärfend hinzu, dass der Künstler, dass Ralph Kull sich als sichtbare Person dieser Veranstaltung entzieht, er ist eher in seinen Werken heute zugegen, rekapituliert an anderem Ort das Subkutane.
Das ist nur allzu folgerichtig. Die Moderne handelt vornehmlich und heute wieder vorbildlich vom Verschwinden des Autors. Denken Sie an Heiner Müller, denken Sie an Genet, an die Vielen Künstler, die beschrieben haben, wie sich eine Maschine der Kunst installiert, sich des Subjekts des Künstlers Bemächtigt und oft genug gegen seinen Willen das Vokabular der Kunst ordnet. Das verschwinden des Autors ist eine Resultante des zunehmend in das Werk integrierten Nachdenkens über das Wesen der Kunst. Dies ist das Kainszeichen der Moderne – das ist nicht neu – aber weiterhin gültig. Die klassischen Sparten und Materialien sind auf das Schönste aus der Fassung gebracht. Alles kann Kunst sein – Kunst ist alles, was Kunst ist. Schlichte Nenner komplizierter Vorgänge, in denen die Verwandlungskraft der Kunst auf kalkulierte Weise sich Bahn bricht. In der selbst inszenierten Krise, in der stetigen Auseinandersetzung mit neuen, sperrigen Materialien fordern sich die Künstler stets aufs Neue heraus. Entgehen sie der routinierten Produktion des schon Gewussten.
Valery: „Ein Werk schaffen, ist für die meisten ein Problem, das dann gelöst ist, wenn das Werk fertig vorliegt – das Werk ist das Ziel, das die Mittel absorbiert, rechtfertigt, verbraucht.
Doch für mich verhält es sich anders. Mein unabweisbares inneres Gefühl läßt mich das Werk als einen Entwicklungszustand betrachten. Mein Ziel ist nicht das Werk selbst, sondern das erlangen dieses Werkes mit Hilfe der Mittel und wie dabei diese Mittel den Geboten unterworfen werden, die man gemeinhin vom fertigen Werk fordert, nicht jedoch von seiner Herstellung“.
Subkutan atmet im heutigen Kunstwerk die Arbeit des Künstlers, die eine Unternehmung der Verwandlung ist – in der utopischen Verlängerung eine Verwandlung von Welt.
Unter der Oberfläche regiert der Künstler. Der Künstler als unsichtbarer Dritter, der im Verborgen wirkt und am Verborgenen arbeitet. Sie sehn, das Pathos stellt sich ein. Also schnell vom Handwerk gesprochen. Ralph Kull schildert in einem seiner Texte im Katalog zu dieser Ausstellung den visionären Verlust seiner Linken, den Verlust des unnützen weil zu koordiniertem Tun nicht ausgebildeten linken Arms samt Hand. Der linke Arm stört das Gesamtgefüge – die Harmonie des Schaffensprozesses – er hängt mehr oder weniger elegant aber dumm herum. Sie wissen, daß es in der konzeptuellen Kunst an Armen eh mangelt. Der Prozess der Künstlerischen Arbeit wird ganz in den Kopf verleg – das Sehen des Künstlers geht gleich und ohne den Umweg über die ausführende Hand des Künstlers in den Kopf – dort steht das Bild – Dienstbaren Geistern bleibt es überlassen, ob das Werk realisiert wird. Das ist dem konzeptuellen Künstler ziemlich gleichgültig – das ist schlicht für seine materielle Existenz hin und wieder ganz zweckdienlich.
Ralph Kull’s Arbeiten haben zwei Pole – den kalkuliert konzeptuellen und den sinnlich eruptiven Pol – Von diesen Wegmarken aus formuliert sich seine Kunst. Nicht von ungefähr wird die Harmonie des Kreises, seine Magie interpunktiert, von schneidender Liniarität, von störenden irritierenden Details – nicht von ungefähr rebelliert der untätige linke Arm im Schmerz. Ein Kampf, der gottseidank, oder danken wir der Medizin – Subkutan sich austrägt – und wenn wir Glück haben, und Ralph Kull seit unserer letzten Begegnung sich nicht Verändert hat, ist er noch im künstlerischen Vollbesitz seiner Gliedmaßen.
Ich habe Sie länger penetriert, als ich es eigentlich anvisiere – meine linke Hirnhälfte, kann sich ihren olympischen Idealen eben doch nicht durchsetzen – dennoch – die Rede verdunstet, der Künstler verschwindet, aber die Werke sind da wie auch der Satz Marcel Duchamp’s „Man verdurstet nicht im Bereich der Kunst. Die Fata Morgana ist beharrlich.“

Carsten Ahrens
Direktor des Neuen Museum Weserburg Bremen
Eröffnungsrede zur Ausstellung Subkutan in der Galerie Gruppe Grün, Feb. 1990